
Top Dogs - Urs Widmer
Premiere 12.Mai 2004
Lehmann: „... eine Entlassung, was ist das denn schon? Du bist entlassen, na schön, da bist du eben entlassen ... Du stehst auf der Straße, auf der stehen Millionen... Dafür ist sie da, die Straße, irgendwo müssen die Entlassenen ja stehen.“ (Kämpft mit den Tränen.)
Worte aus dem Mund eines entlassenen leitenden Managers, eines Top Dogs. Als Urs Widmer 1996 sein Theaterstück Top Dogs schrieb, beherrschten Schlagworte wie Lean Management oder Downsizing die Sprache der Unternehmer. Die fetten Jahre seien vorbei, hieß es, ganze Management-Ebenen wurden gestrichen. Damit war auch einer neuen Branche die Tür geöffnet: Den Entlassenen sollte von so genannten Outplacement-Unternehmen geholfen werden. Diese arbeiten an Erscheinungsbild und Auftreten ihrer Klienten und unterstützen sie bei der Suche nach einer neuen Position. In den letzten Jahren hat sich Outplacement – bedingt durch Wirtschaftskrise und Globalisierung – zu einem boomenden Wirtschaftszweig entwickelt, der durch verstärkte Berichterstattung in den Medien zunehmend auch öffentlich wahrgenommen wird. Der Branchenumsatz steigt sprunghaft an – in den Jahren 2002 und 2003 jeweils um eine zweistellige Prozentzahl. Und während in der Entstehungszeit des Stücks meist 50-Jährige die Dienste von Outplacement-Beratern in Anspruch nahmen, sind die Klienten heute im Schnitt etwa 40 Jahre alte, gut verdienende Wirtschaftskräfte. „Heute kann es jeden treffen, ob Vorstand oder Sachbearbeiter“, zieht ein Outplacement-Berater sein lakonisches Fazit.
Doch Arbeitslosigkeit ist nicht nur ein - mittlerweile bestimmendes - gesellschaftliches Problem, sondern auch ein individuelles. Daher zählt neben der Unterstützung bei der Arbeitssuche auch die psychologische Betreuung ihrer Klientinnen und Klienten zu den Angeboten von Outplacement-Unternehmen. Urs Widmer selbst spricht von dem „Gefühlswirbel“, den eine Entlassung immer auslöse. Den Betroffenen wird durch Rollenspiele und in Gesprächsrunden dabei geholfen, eine demütigende Erfahrung aufzuarbeiten - dass sie, die Unersetzlichen, nicht mehr gebraucht werden. Widmer zeigt präzise, aber stets mit viel Zuneigung zu seinen Figuren, wie die entlassenen Top Dogs versuchen, „die Kränkung der Kündigung in den Griff zu kriegen“: Der Verlust des Arbeitsplatzes wird der Umwelt verschwiegen, er wird zu einem Sieg über den ehemaligen Arbeitgeber umgedeutet oder einfach nicht wahrgenommen. Doch nach und nach kommen die Menschen hinter den Managerminen zum Vorschein, ihre Ängste, ihre Sehnsüchte, ihre Träume. Für ihre Karriere haben diese Top Dogs viele Lebensbereiche den Anforderungen des Berufs untergeordnet. Jetzt, nach dem Verlust der sicher geglaubten Position, müssen sie sich der „Erkenntnis der eigenen Verwundbarkeit“ stellen. „Jede Entlassung ist auch eine Chance“, lässt Widmer eine seiner Figuren sagen. Für die Top Dogs auch die Chance, sich mit ihrem Leben auseinander zu setzen. Wer von ihnen wird sie nutzen? Diese persönlichen Aspekte des Themas stehen im Vordergrund der aktuellen Produktion der tollhaus theater compagnie.
Es spielen: Carsten Abelbeck, Anette Achtzehnter, Jörg Braner, Angie Brinkmann, Anton Demarczyk, Thomas Hollik, Ulrike Pichler, Zeynep Tunc
Bühne: Angie Brinkmann
Licht: Jo Hübner
Musik: Christopher Fellinger
Choreografie: Susanne Plenge, Christopher Fellinger
Plakat & Postkarte: Carsten Abelbeck
Regie: Christian Auras